Die kleine Wolke und das flüsternde Meer

Die kleine Wolke hat inzwischen viele Freunde gefunden.
Sie hat gelernt, auf ihr Herz zu hören, mutig zu sein und zu vertrauen.
Heute führt der Wind sie an einen Ort, der niemals stillsteht.
Zum Meer.
Dort entdeckt sie etwas, das vielen Kindern helfen kann:
Gefühle sind wie Wellen.
Sie kommen.
Sie gehen.
Und sie bleiben niemals für immer.
Die kleine Wolke und das flüsternde Meer
An einem warmen Sommertag trug der Wind die kleine Wolke bis an die Küste.
Schon von weitem hörte sie ein leises Rauschen.
„Was ist das?“, fragte sie neugierig.
„Das Meer“, antwortete der Wind.
Als die kleine Wolke näher kam, blieb sie staunend stehen.
Vor ihr glitzerte unendlich viel Wasser.
Die Sonne malte tausend funkelnde Lichter auf die Wellen.
Mal waren sie ganz klein.
Dann wieder gross.
„Hallo!“, rief die kleine Wolke.
Das Meer antwortete mit einem freundlichen Rauschen.
„Willkommen.“
Die kleine Wolke schaute auf die Wellen.
„Warum bewegst du dich ständig?“
Das Meer lachte leise.
„Weil Gefühle das auch tun.“
Die kleine Wolke legte den Kopf schief.
„Gefühle?“
„Komm ein Stück näher.“
Ganz vorsichtig schwebte sie tiefer.
Eine kleine Welle rollte ans Ufer.
Dann zog sie sich wieder zurück.
Eine grössere folgte.
Dann wieder eine ganz sanfte.
„Siehst du?“, fragte das Meer.
„Keine Welle bleibt.“
Die kleine Wolke beobachtete aufmerksam.
„Stimmt.“
„So ist es auch mit unseren Gefühlen.“
„Auch mit Traurigkeit?“
„Ja.“
„Auch mit Angst?“
„Ja.“
„Und mit Freude?“
„Auch sie verändert sich.“
Die kleine Wolke dachte nach.
„Dann muss ich meine Gefühle gar nicht festhalten?“
Das Meer lächelte.
„Nein. Du darfst sie erleben.
Und dann weiterziehen lassen.“
In diesem Moment kam eine besonders grosse Welle.
Sie rauschte laut ans Ufer.
Die kleine Wolke erschrak.
„Die war aber gross!“
Das Meer nickte.
„Manchmal fühlen sich Gefühle auch so an.“
„Und was dann?“
„Dann erinnere dich daran,
dass auch die grösste Welle irgendwann wieder ruhig wird.“
Die kleine Wolke wartete.
Und tatsächlich.
Schon kurze Zeit später war das Wasser wieder ganz sanft.
„Sie ist verschwunden!“
„Nicht verschwunden“, sagte das Meer.
„Sie hat sich verwandelt.“
Die kleine Wolke liess diese Worte tief in sich hineinfallen.
Da entdeckte sie ein kleines Kind am Strand.
Es hatte gerade eine Sandburg gebaut.
Doch eine Welle spülte einen Teil davon weg.
Das Kind schaute traurig.
Es setzte sich hin.
Atmete tief durch.
Und begann dann lächelnd von vorne.
„Warum macht es das?“, fragte die kleine Wolke.
Das Meer antwortete:
„Weil es weiss, dass nach jeder Welle wieder Zeit zum Bauen ist.“
Die kleine Wolke lächelte.
Sie schaute lange auf das Meer hinaus.
Auf die Wellen.
Auf das Glitzern.
Auf das Kommen und Gehen.
Und plötzlich spürte sie etwas.
Auch in ihr bewegten sich Gefühle.
Manchmal ruhig.
Manchmal stärker.
Aber keines davon blieb für immer.
Sie atmete tief ein.
Und wieder aus.
„Jetzt verstehe ich.“
Das Meer rauschte freundlich.
„Gefühle sind Besucher.
Du darfst sie begrüssen.
Aber sie müssen nicht bei dir wohnen.“
Die kleine Wolke musste lächeln.
Mit einem ganz ruhigen Herzen stieg sie wieder höher.
Unter ihr glitzerte das Meer.
Welle für Welle.
Atemzug für Atemzug.
Und sie wusste:
Alles darf kommen.
Und alles darf auch wieder gehen.
Ein kleiner Gedanke für die Grossen
Kinder erleben Gefühle oft sehr intensiv.
In einem Moment lachen sie.
Im nächsten Moment weinen sie.
Und kurz darauf spielen sie wieder fröhlich.
Erwachsene wünschen sich manchmal, dass Gefühle schneller verschwinden.
Doch Gefühle brauchen keinen Kampf.
Sie brauchen Raum.
Wenn Kinder lernen, dass Gefühle wie Wellen sind, müssen sie keine Angst mehr vor ihnen haben.
Sie wissen:
Auch diese Welle geht vorüber.
Und genau dieses Vertrauen schenkt innere Sicherheit.
Nächsten Sonntag entdeckt die kleine Wolke einen geheimen Garten hoch oben am Himmel – einen Ort, an dem Sorgen eine Pause machen dürfen und das Herz neue Kraft findet.
Herzlichst
Nadine




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