Die kleine Wolke und das Lied des Windes

In der letzten Geschichte hat die kleine Wolke ihr Wolkenherz entdeckt.
Sie hat gelernt, dass die wichtigsten Antworten manchmal ganz leise sind und bereits in ihr wohnen.
Doch schon bald bemerkte sie etwas Neues.
Manchmal verglich sie sich mit den anderen.
Die eine Wolke war gross und mächtig.
Eine andere flog schnell durch den Himmel.
Wieder eine andere konnte wunderschöne Formen bilden.
Und die kleine Wolke fragte sich:
„Mache ich das eigentlich richtig?“
Diese Frage kennen viele Kinder.
Sie sehen, was andere schon können, und fragen sich, ob sie selbst gut genug sind.
Heute entdeckt die kleine Wolke, dass jeder seinen eigenen Rhythmus hat.
Und dass genau darin etwas Wunderschönes liegt.
Die kleine Wolke und das Lied des Windes
Eines Morgens war der Himmel voller Bewegung.
Der Wind tanzte zwischen den Wolken hindurch.
Mal sauste er schnell.
Mal wurde er ganz langsam.
Er wirbelte Blätter durch die Luft, liess Gräser tanzen und spielte mit den Vögeln Verstecken.
Die kleine Wolke beobachtete ihn staunend.
„Du bist ja ständig in Bewegung!“
Der Wind lachte.
„Ich liebe das Tanzen.“
„Ich glaube, ich könnte das nicht.“
Der Wind blieb stehen.
„Warum nicht?“
„Weil ich viel langsamer bin.“
Der Wind lächelte.
„Und wer sagt, dass langsam falsch ist?“
Die kleine Wolke dachte nach.
„Na ja …die grossen Wolken ziehen schneller.
Die langen Wolken sehen eleganter aus.
Und ich … ich schwebe einfach nur.“
Der Wind drehte eine kleine Pirouette.
„Komm mit!“
„Ich kann doch gar nicht so tanzen wie du.“
„Das sollst du auch gar nicht.“
Die kleine Wolke liess sich vorsichtig treiben.
Der Wind wurde langsamer.
Ganz langsam.
Fast so langsam wie sie.
„Merkst du etwas?“, fragte er.
„Es fühlt sich schön an.“
„Genau.“
Dann wurde der Wind wieder etwas schneller.
Nicht zu schnell.
Nur gerade so, dass die kleine Wolke gut mitkommen konnte.
„Und jetzt?“
„Auch schön!“
Der Wind lachte.
„Weisst du …
ich tanze nicht immer gleich. Ich höre auf mein eigenes Lied.“
„Dein Lied?“
Der Wind nickte.
„Jeder hat eines.“
„Auch ich?“
„Natürlich.“
„Aber ich höre gar nichts.“
„Dann hör einmal ganz genau hin.“
Die kleine Wolke wurde still.
Sie lauschte.
Zuerst hörte sie die Blätter.
Dann das Gras.
Dann das Zwitschern der Vögel.
Und schliesslich hörte sie etwas ganz Leises.
Es war kein richtiges Lied.
Es war eher ein sanfter Rhythmus.
Langsam.
Ruhig.
Weich.
Fast wie ihr eigener Atem.
„Das bin ja ich!“, rief sie überrascht.
Der Wind nickte glücklich.
„Ja. Das ist dein Lied.“
„Aber es klingt ganz anders als deins.“
„Natürlich.“
„Ist das schlimm?“
Der Wind schüttelte den Kopf.
„Stell dir vor, alle Vögel würden gleich singen.
Alle Blumen hätten dieselbe Farbe.
Oder alle Wolken sähen gleich aus.“
Die kleine Wolke musste lachen.
„Das wäre ja langweilig!“
„Siehst du.“
Der Wind pustete sie sanft ein Stück weiter.
„Die Welt braucht nicht viele gleiche Wolken.
Sie braucht genau dich.“
Die kleine Wolke lächelte.
Von diesem Tag an verglich sie sich viel seltener.
Immer wenn sie merkte, dass sie wieder so werden wollte wie jemand anderes,
lauschte sie kurz nach innen.
Dort war ihr eigenes Lied.
Ganz ruhig.
Ganz freundlich.
Ganz sie selbst.
Und jedes Mal erinnerte es sie daran:
Ich muss niemand anders sein. Ich darf meinen eigenen Rhythmus finden.
Mit diesem Gedanken schwebte sie lächelnd weiter.
Nicht schneller.
Nicht langsamer.
Einfach genau richtig.
Ein kleiner Gedanke für die Grossen
Kinder vergleichen sich heute so früh wie nie.
Wer ist schneller?
Wer malt schöner?
Wer liest besser?
Wer hat mehr Freunde?
Dabei entwickelt sich jedes Kind in seinem eigenen Tempo.
Vielleicht dürfen wir ihnen viel öfter sagen:
„Du musst nicht werden wie jemand anderes. Die Welt braucht genau dich.“
Denn Selbstvertrauen wächst nicht durch Vergleiche.
Es wächst dort, wo Kinder erleben:
Ich bin genau richtig, so wie ich bin.
Nächsten Sonntag begegnet die kleine Wolke einem alten Berg und lernt, dass manche Dinge Zeit brauchen und dass Geduld eine ganz besondere Stärke ist.
Herzlichst
Nadine




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