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Die kleine Wolke und der mutige Regentropfen

13. Sept.
3 Min. Lesezeit


Die kleine Wolke hatte inzwischen gelernt, dass alles seine Zeit braucht.


Sie musste nicht schneller wachsen als andere.

Sie durfte Schritt für Schritt ihren eigenen Weg gehen.


Doch an diesem Morgen begegnete sie jemandem, der grosse Angst hatte.


Nicht vor der Dunkelheit.

Nicht vor dem Alleinsein.

Sondern vor dem nächsten Schritt.


Diese Geschichte ist für alle Kinder, die sich manchmal etwas nicht zutrauen.

Denn Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben.


Mut bedeutet, trotz der Angst den ersten kleinen Schritt zu wagen.


Die kleine Wolke und der mutige Regentropfen


Es war ein heller Sommertag.


Die kleine Wolke schwebte gemütlich durch den Himmel.


In ihrem Bauch trug sie viele kleine Regentropfen.

Sie glitzerten wie winzige Kristalle.

Die meisten hüpften fröhlich hin und her.


Nur einer sass ganz still in einer Ecke.


Die kleine Wolke bemerkte ihn.

„Hallo“, sagte sie freundlich.


„Warum spielst du nicht mit den anderen?“


Der kleine Regentropfen seufzte.

„Ich habe Angst.“


„Wovor denn?“


„Vor dem Fallen.“


Die kleine Wolke setzte sich ganz ruhig zu ihm.

„Erzähl mir davon.“


„Wenn ich falle …“Er schluckte. „… dann weiss ich nicht, was passiert. Vielleicht lande ich auf einem Stein.

Oder im Meer.

Oder ich verschwinde einfach.“


Die kleine Wolke nickte.

„Das klingt wirklich ein bisschen aufregend.“


Der kleine Regentropfen schaute überrascht.

„Du lachst gar nicht?“


„Nein. Angst ist nichts, worüber man lachen sollte.“


Der Regentropfen fühlte sich sofort etwas wohler.


Da kam der Wind vorbei.

„Ist alles in Ordnung?“


Die kleine Wolke erzählte ihm von der Sorge des kleinen Tropfens.


Der Wind lächelte.

„Weisst du, ich kenne viele Regentropfen.“


„Und?“


„Jeder hatte beim ersten Mal ein bisschen Angst.“


„Wirklich?“


„Natürlich.“


„Auch die mutigen?“


„Gerade die mutigen.“


Der kleine Regentropfen dachte lange nach.

„Aber woher weiss ich, dass alles gut wird?“


Der Wind pustete ganz sanft.

„Das weiss niemand vorher.“


„Gar niemand?“


„Nein. Mut beginnt genau dort,

wo wir noch nicht alles wissen.“


Die kleine Wolke legte ihren flauschigen Arm um den kleinen Tropfen.

„Du musst nicht springen, bevor du nicht bereit bist.“


Der Regentropfen atmete tief ein.

Er schaute nach unten.

Unter ihm glitzerte eine grosse Blumenwiese.

Bienen summten.

Schmetterlinge flatterten.

Blumen streckten ihre Köpfe zur Sonne.


„Vielleicht …“ flüsterte der kleine Tropfen.

„… wartet dort unten ja etwas Schönes auf mich.“


„Vielleicht“, sagte die kleine Wolke.

„Und vielleicht wirst du genau das Wasser sein, das eine Blume heute braucht.“


Der Regentropfen lächelte zaghaft.

Er wurde noch einmal ganz still.

Dann holte er tief Luft.

„Ich glaube …ich bin bereit.“


Ganz vorsichtig liess sich der kleine Tropfen fallen.

Nicht schnell.

Ganz sanft.


Die kleine Wolke schaute ihm nach.


Der Wind begleitete ihn.


Die Sonne liess ihn glitzern.


Und schliesslich …

landete er mitten in einer kleinen, durstigen Blüte.


Die Blume öffnete ihre Blätter.

„Danke“, flüsterte sie.


Der kleine Regentropfen begann zu strahlen.

„Ich habe es geschafft!“


Die kleine Wolke lächelte voller Freude.

„Siehst du?“ rief sie.

„Mut bedeutet nicht,

keine Angst zu haben.

Mut bedeutet,

den ersten kleinen Schritt trotzdem zu

wagen.“


Von diesem Tag an erzählte der kleine Regentropfen allen anderen Tropfen von seinem Abenteuer.


Nicht damit sie keine Angst mehr hatten.

Sondern damit sie wussten:

Auch mit klopfendem Herzen kann man mutig sein.


Ein kleiner Gedanke für die Grossen

Kinder müssen nicht mutig sein, weil sie keine Angst haben.


Sie dürfen Angst haben.

Vor dem ersten Schultag.

Vor einer neuen Situation.

Vor einem Referat.

Vor dem Einschlafen.


Unsere Aufgabe ist nicht, ihnen die Angst wegzunehmen.

Sondern ihnen zu zeigen:

„Ich glaube an dich. Und ich bin da, während du deinen ersten Schritt machst.“


Denn genau so wächst echter Mut.


Nicht auf einmal.

Sondern Schritt für Schritt.


Nächsten Sonntag begegnet die kleine Wolke einem Schmetterling und entdeckt, dass Veränderung manchmal ganz leise beginnt und etwas Wunderschönes daraus entstehen kann.


Herzlichst

Nadine

 
 
 

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