Die kleine Wolke und der Berg, der warten konnte

Die kleine Wolke hatte inzwischen viel gelernt.
Sie hatte entdeckt, dass sie fühlen durfte.
Sie hatte gelernt, ihrem Herzen zu vertrauen und auf ihr eigenes Lied zu hören.
Doch eines Tages wollte sie alles auf einmal können:
Sie wollte mutig sein.
Geduldig sein.
Immer fröhlich sein.
Immer ruhig bleiben.
Und als ihr das nicht gelang, wurde sie ungeduldig mit sich selbst.
Diese Geschichte ist für alle Kinder, die manchmal glauben, sie müssten schon weiter sein.
Dabei wachsen die schönsten Dinge ganz langsam.
Die kleine Wolke und der Berg, der warten konnte
An einem sonnigen Morgen trug der Wind die kleine Wolke weit hinaus.
Sie flog über Wiesen, über Flüsse, über Wälder,
bis plötzlich ein riesiger Berg vor ihr auftauchte.
Seine Spitze ragte hoch in den Himmel.
Die kleine Wolke staunte.
„Du bist ja riesig!“
Der Berg lächelte freundlich.
„Und du bist wunderbar flauschig.“
Die kleine Wolke musste lachen.
„Wie lange hast du gebraucht, um so gross zu werden?“
Der Berg überlegte.
„Sehr, sehr lange.“
„Wie lange denn?“
„Länger, als man zählen kann.“
Die kleine Wolke riss erstaunt die Augen auf.
„Hast du dich nie beeilt?“
Der Berg schüttelte langsam den Kopf.
„Nein.“
„Aber warum nicht?“
„Weil alles seine Zeit braucht.“
Die kleine Wolke setzte sich auf seine Spitze.
„Ich wünschte, ich wäre schon so klug wie du.“
Der Berg lächelte.
„Warum?“
„Weil ich manchmal denke, ich müsste schon alles können.“
Der Berg blieb einen Moment still.
Dann fragte er: „Siehst du dort unten die kleine Eiche?“
Die Wolke nickte.
„Ja.“
„Vor vielen Jahren war sie nur eine kleine Eichel.“
„Wirklich?“
„Ja und niemand hat jeden Tag an ihr gezogen, damit sie schneller wächst.“
Die kleine Wolke musste kichern.
„Das wäre lustig gewesen!“
„Sie bekam Sonne. Regen. Zeit.
Und genau das hat gereicht.“
Die kleine Wolke schaute nachdenklich zur kleinen Eiche.
„Also muss auch ich nicht schneller wachsen?“
„Nein.“
„Nicht einmal ein bisschen?“
Der Berg schmunzelte.
„Du wächst jeden Tag.
Auch wenn du es gar nicht bemerkst.“
„Aber manchmal mache ich Fehler.“
„Natürlich.“
„Und dann?“
„Dann lernst du.“
„Und wenn ich traurig bin?“
„Dann lernst du auch.“
„Und wenn ich mutig bin?“
„Dann ebenfalls.“
Die kleine Wolke dachte lange nach.
„Dann ist ja alles ein Teil vom Wachsen.“
„Genau“, sagte der Berg.
„Jeder Tag schenkt dir etwas.
Manchmal merkst du es sofort.
Manchmal erst viel später.“
Die kleine Wolke schaute auf die vielen kleinen Pflanzen am Berghang.
Überall wuchs etwas.
Ganz langsam.
Ganz still.
Niemand hatte es eilig.
Da spürte sie plötzlich eine grosse Ruhe.
Sie musste gar nicht schneller werden.
Sie durfte einfach weiterwachsen.
Tag für Tag.
So wie die Blumen.
So wie die Bäume.
So wie der Berg.
Bevor sie weiterflog, fragte sie:
„Berg?“
„Ja?“
„Wirst du irgendwann noch grösser?“
Der Berg lachte leise.
„Vielleicht. Aber ich habe Zeit.“
Die kleine Wolke lächelte.
„Ich glaube …
ich habe jetzt auch Zeit.“
Mit einem ganz ruhigen Herzen schwebte sie weiter.
Nicht, um irgendwo anzukommen.
Sondern um jeden neuen Tag zu entdecken.
Ein kleiner Gedanke für die Grossen
Kinder wachsen nicht nur in Zentimetern.
Sie wachsen an Erfahrungen.
An Begegnungen.
An Fehlern.
An Mut.
Und manchmal auch an schwierigen Tagen.
In einer Zeit, in der alles immer schneller werden soll, dürfen wir unseren Kindern etwas Kostbares schenken:
Zeit.
Zeit zum Spielen.
Zeit zum Träumen.
Zeit zum Ausprobieren.
Und Zeit, einfach Kind zu sein.
Denn niemand muss heute schon der Mensch sein, der er erst morgen wird.
Nächsten Sonntag begleitet die kleine Wolke einen kleinen Regentropfen, der grosse Angst davor hat, zur Erde zu fallen. Gemeinsam entdecken sie, dass Mut oft mit einem einzigen kleinen Schritt beginnt.
Herzlichst
Nadine




Kommentare